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Ist gleich, immer gerecht? 🤔

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Ist gleich, immer gerecht? 🤔

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170 segments

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Es ist Essenszeit und es gibt Pizza.

0:02

Wir haben eine Pizza und vier Personen.

0:04

Wie würdet ihr die Pizza aufteilen?

0:06

Wie viele Stücke bekommt jede Person?

0:08

Mein erster Gedanke:

0:09

Die Pizza wird in acht gleich große Stücke geteilt und dann bekommt jeder zwei Stücke.

0:15

So wäre es ja fair.

0:16

Jede und jeder bekommt das Gleiche.

0:19

Aber was wäre, wenn es eine Familie von vier Personen ist:

0:22

Der Papa hat die Pizza vorbereitet und gemeinsam mit der Tochter den Tisch gedeckt,

0:27

die Mama kommt gestresst von der Arbeit und hat Hunger

0:29

und der Sohn hat beim Vorbereiten nicht geholfen und hat eben auch noch Chips gegessen.

0:34

Wie würdet ihr die Pizzastücke jetzt aufteilen?

0:36

Bekommt der Papa mehr, weil er gekocht hat?

0:39

Bekommt der Sohn weniger, weil er eben noch etwas anderes gegessen hat?

0:43

Was ist mit der hungrigen Mama?

0:44

Und die Tochter hat ja auch geholfen.

0:47

Wie verteilt man die Pizza gerecht?

0:49

Ihr merkt schon, es ist gar nicht so einfach. Man muss auf vieles achten.

0:52

Oder ist es immer gerecht, alles gleich aufzuteilen?

0:56

Was ist Gleichheit und was ist Gerechtigkeit?

0:59

Darum geht es in diesem Video.

1:04

Wir schauen erstmal auf das Thema Gleichheit.

1:07

In unserem Grundgesetz heißt es:

1:09

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich"

1:11

Das bedeutet also, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleichbehandelt werden sollten.

1:16

Das ist ein Grundprinzip unseres Rechtsstaats.

1:19

Das war aber nicht immer so.

1:20

Im Mittelalter zum Beispiel gab es eine strenge Rangordnung in der Gesellschaft.

1:24

Und zwar das Drei-Stände-System.

1:26

Es bestand aus drei Gruppen: den Geistlichen, dem Adel und den Bauern.

1:30

Man dachte damals, diese Ordnung sei von Gott vorgegeben,

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denn man wurde in seinen Stand hineingeboren.

1:36

Also wenn man nicht Mönch oder Nonne wurde, dann blieb man ein Leben lang in seinem Stand.

1:41

Und jeder Stand hatte unterschiedliche Rechte,

1:43

beziehungsweise der unterste Stand, die Bauern, die hatten so gut wie keine Rechte,

1:47

obwohl es der größte Stand war.

1:50

In der Französischen Revolution 1789 wehrten sich die Menschen in Frankreich gegen diese Ungleichheit

1:56

und kämpften für gleiche Rechte.

1:58

Mit Erfolg:

1:59

Durch die Revolution wurden Menschen- und Bürgerrechte aufgeschrieben, in denen es heißt:

2:04

„Die Menschen sind und bleiben von Geburt an frei und gleich an Rechten.“

2:09

Aber diese Rechte galten damals nur für Männer.

2:12

Und bis Frauen in Frankreich wählen durften, sind noch viele Jahre vergangen.

2:16

Erst 1944 wurde dort das Frauenwahlrecht eingeführt.

2:20

Weltweit gibt es immer noch unterschiedliche Rechte für Männer und Frauen

2:23

und aus kulturellen und religiösen Gründen immer wieder keine Gleichheit.

2:28

Zum Beispiel in der katholischen Kirche: Da dürfen Frauen das Priesteramt nicht übernehmen.

2:33

Und nicht nur auf das Geschlecht bezogen,

2:35

sondern auch in anderen Bereichen werden und wurden Menschen ungleich behandelt.

2:39

Zum Beispiel war jahrelang ein Schwarzer Mensch in Südafrika weniger wert als ein Weißer Mensch.

2:45

Schwarze Menschen durften zum Beispiel nur in heruntergekommenen Stadtteilen wohnen

2:49

und nicht jeden Job ausüben.

2:51

Also ziemlich ungerecht.

2:54

Ihr merkt schon: Gerechtigkeit und Gleichheit sind eng miteinander verbunden.

2:59

Für Gerechtigkeit gibt es verschiedene Definitionen.

3:01

Schon in der Antike beschäftigten sich Philosophen intensiv damit.

3:05

Für Platon zum Beispiel war Gerechtigkeit die höchste Tugend.

3:09

Also, jeder Mensch sollte sich selbst gegenüber gerecht sein.

3:12

Platon sagte dazu:

3:14

Man solle in einem „harmonischen Zustand der Seele“ sein.

3:17

Also, man sollte innerlich im Gleichgewicht sein.

3:20

Er war davon überzeugt, dass Menschen nur zueinander gerecht sein können,

3:24

wenn sie auch zu sich selbst gerecht sind.

3:28

Platon hat Gerechtigkeit also auch als Charaktereigenschaft definiert.

3:32

Der amerikanische Philosoph John Rawls definierte

3:35

Gerechtigkeit im 20. Jahrhundert im Sinne einer Gemeinschaft.

3:39

Kurz und knapp zusammengefasst:

3:40

Gerechtigkeit ist für Rawls Fairness.

3:44

Alle Entscheidungen werden fair getroffen, ohne dass die Entscheidenden einen Vorteil dadurch haben.

3:50

Und dafür sind Gesetze da.

3:51

In der Theorie zumindest sorgen sie für Gerechtigkeit.

3:55

Allerdings gibt es und gab es weltweit immer wieder Gesetze, die bestimmte Gruppen diskriminieren

4:00

– also ungerecht sind.

4:02

Bis 1965 durften Schwarze Menschen in den USA zum Beispiel nicht an den Wahlen teilnehmen.

4:08

Oder:

4:09

In den 1930er Jahren führte Adolf Hitler Gesetze ein,

4:13

nach denen Juden kein Recht auf Eigentum hatten

4:15

und keine Geschäfte betreiben durften.

4:18

Oder:

4:18

Gleichgeschlechtliche Beziehungen können aktuell in über zehn Ländern noch immer mit dem Tod bestraft werden.

4:24

Und merkt ihr was?

4:25

Diese ungerechten Gesetze basieren darauf,

4:28

dass da nicht alle Menschen gleichbehandelt werden.

4:31

Was für eine zentrale Bedeutung Gleichheit für die Gerechtigkeit hat,

4:35

zeigt sich auch an dieser Figur:

4:37

Das ist Justitia – das Symbol für Gerechtigkeit.

4:41

Es ist eine Frau mit verbundenen Augen,

4:43

die eine Waage in der einen

4:44

und ein Schwert in der anderen Hand hält.

4:46

Ihr habt sie vielleicht schon auf oder vor Gerichtsgebäuden gesehen.

4:50

Die Waage steht für das sorgfältige Abwägen bei der Suche nach einem gerechten Urteil,

4:55

das Schwert zeigt, dass das Gesetz bestrafen und beschützen kann

4:59

und die verbundenen Augen stehen für Objektivität.

5:02

Justitia sieht nicht, ob jemand zum Beispiel arm oder reich ist,

5:06

sie ist unvoreingenommen.

5:07

Denn vor dem Gesetz sind alle gleich,

5:09

es soll keine Rolle spielen, wo man herkommt,

5:11

ob jemand viel Macht hat oder wenig.

5:14

Es kann also sein, dass Gleichheit und Gerechtigkeit sich überlappen.

5:18

Justitia gibt es in der Form seit dem 15. Jahrhundert

5:21

und in anderen Formen auch schon in der römischen und griechischen Mythologie.

5:25

Ich hatte ja auch eben schon gesagt:

5:27

Schon in der Antike haben sich Philosophen mit der Gerechtigkeit auseinandergesetzt.

5:31

Aristoteles hat zum Beispiel zwei Grundformen der Gerechtigkeit unterschieden:

5:36

die austeilende

5:37

und die ausgleichende Gerechtigkeit.

5:40

Mit der austeilenden Gerechtigkeit meinte er eine gerechte Verteilung.

5:44

Also zum Beispiel: Drei Personen arbeiten gemeinsam und

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verdienen neun Goldstücke.

5:49

Um diesen Gewinn gerecht zu verteilen,

5:51

muss geschaut werden,

5:52

welchen Anteil jede Person daran trägt:

5:54

Der Mann hat mehr und länger gearbeitet als die Frau und das Kind hat noch weniger geleistet.

5:59

Wenn man also nach dem Maßstab Leistung geht,

6:02

bekommen die drei Personen unterschiedliche Anteile:

6:05

Der Mann bekommt vier Goldstücke, die Frau drei und das Kind zwei.

6:09

Also, ungleiche Arbeit wird ungleich behandelt und das ist laut Aristoteles gerecht.

6:15

Das Prinzip nennt man seit der Antike: Jedem das Seine.

6:18

Kurzer Einschub: Dieser Satz wurde von den Nationalsozialisten missbraucht.

6:23

Er stand am Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald

6:26

und verhöhnte damit die Opfer des Nationalsozialismus.

6:30

Zurück zu Aristoteles:

6:31

Wir hatten eben die austeilende Gerechtigkeit.

6:34

Bei der ausgleichenden geht es um einen gerechten Tausch.

6:38

Also zum Beispiel tauscht eine Person Lebensmittel

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im Wert von zwei Goldstücken

6:42

gegen zwei Goldstücke.

6:44

Hier sind die Personen egal, es geht um gleichwertige Gegenleistungen.

6:48

Das Prinzip nennt sich:

6:50

Jedem das Gleiche.

6:51

Es gibt viele verschiedene Definitionen und Theorien rund um die Gerechtigkeit.

6:55

Dabei kommt es auf die Situation an und liegt auch im Auge des Betrachters.

7:00

Was ich als gerecht empfinde, empfindet jemand anderes vielleicht nicht als gerecht.

7:04

Aber was bedeutet das konkret für unsere Frage?

7:07

Inwiefern spielt Gleichheit bei dieser Abwägung eine Rolle?

7:11

Wir haben verstanden, dass Gleichheit relevant für Gerechtigkeit sein kann.

7:15

Aber wichtig ist es noch zu verstehen,

7:17

dass es nicht immer gerecht ist, wenn alles gleich ist.

7:21

Zum Beispiel, wenn ihr euch diese Situation anschaut:

7:24

Alle bekommen die gleiche Kiste, um über die Mauer schauen zu können.

7:28

Aber: Es bringt nicht allen etwas, obwohl ja alle das Gleiche bekommen haben.

7:33

Hier ist Gleichheit nicht gerecht,

7:35

weil die unterschiedlichen Ausgangssituationen nicht beachtet wurden.

7:38

Der Rollstuhlfahrer kann nämlich nicht eigenständig auf die Kiste steigen.

7:43

Gerecht wird es, wenn man schaut:

7:45

Was brauchen die einzelnen Personen, um das gleiche Ergebnis zu haben?

7:49

Also, was brauchen sie, um alle über die Mauer schauen zu können?

7:52

Und da ist die Antwort klar:

7:53

unterschiedlich hohe Kisten und eine Rampe.

7:56

Oder um zu unserem Beispiel mit der Pizza zurückzukommen:

7:59

Wie teilen wir die Pizza gerecht auf?

8:01

Da könnte man besprechen,

8:03

wie viel Hunger die einzelnen Personen überhaupt haben und sich so einigen.

8:07

Das Ziel ist ja, dass alle einigermaßen satt werden.

8:10

Obwohl ich zugeben muss, dass eine Pizza für vier Personen echt zu wenig ist.

8:14

Aber ihr versteht, was ich meine.

8:17

Denn es ist so: Was gerecht ist, muss besprochen werden.

8:20

Und es macht eine Demokratie aus, dass das ständig getan wird.

8:24

Ist es gerecht, dass Menschen, die mehr Geld verdienen auch mehr Steuern zahlen müssen?

8:28

Oder sollten alle gleich viel zahlen?

8:30

Ist es überhaupt gerecht, dass manche Personen mehr und manche weniger verdienen?

8:35

Ist es gerecht, dass schon Kinder, die auf die Welt kommen, nicht die gleichen Voraussetzungen haben –

8:39

manche Familien haben mehr Geld, manche weniger?

8:42

Wie kann man da für mehr Gleichheit sorgen?

8:45

Das sind alles Fragen, die in der Demokratie immer wieder besprochen und abgewogen werden

8:49

und da spielt immer beides eine Rolle:

8:51

Gerechtigkeit und Gleichheit.

8:54

Was denkt ihr darüber?

8:55

Schreibt´s gern unten in die Kommentare.

Interactive Summary

Das Video untersucht das komplexe Verhältnis zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit. Ausgehend von einem Pizza-Beispiel wird erläutert, dass eine rein gleichmäßige Aufteilung nicht immer als gerecht empfunden wird, wenn individuelle Bedürfnisse oder Leistungen variieren. Es werden historische Beispiele für Ungleichheit wie das Drei-Stände-System, die fehlenden Rechte für Frauen und rassische Diskriminierung angeführt. Zudem stellt das Video philosophische Konzepte von Platon, John Rawls und Aristoteles vor, erklärt die Symbolik der Justitia und betont, dass Gerechtigkeit in einer Demokratie ein fortlaufender Verhandlungsprozess ist, der unterschiedliche Ausgangsbedingungen berücksichtigen muss.

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