Was ist soziale Gerechtigkeit? 💫
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Seid ihr schon mal mit dem Auto in den Urlaub gefahren, vielleicht mit euren Freunden oder euren Eltern?
Dann ist euch bestimmt schon aufgefallen, dass es in einigen Ländern -
etwa der Schweiz, Tschechien oder Österreich, etwas kostet auf der Autobahn zu fahren.
Man muss dafür bezahlen, wenn man bestimmte Strecken fahren möchte.
Das wird „Maut“ genannt.
Das damit eingenommene Geld wird zum Beispiel für Reparaturen der Straßen verwendet.
In Deutschland gibt es so eine Pkw-Maut dagegen nicht. Nur für LKW.
Aber nicht, weil hier Straßen und Co. nicht instandgehalten werden,
sondern weil das Geld dafür unter anderem „aus Steuern“ kommt.
Es gilt:
Alle Personen zahlen, unabhängig davon, ob sie die Straßen nutzen oder nicht.
Denn wer nicht selbst auf der Straße fährt,
nutzt bestimmt einen Paketdienst
oder konsumiert Lebensmittel,
die mit einem LKW zum Einkaufsladen gefahren wurden.
Wäre eine Maut nicht trotzdem viel fairer in Deutschland?
Aber:
Was ist mit einkommensschwachen Familien, die sich das Autofahren dann gar nicht mehr leisten könnten,
weil es eben zu teuer ist?
Werden die dann nicht total benachteiligt?
Und:
Ist es fair, dass wir im Ausland Maut zahlen müssen,
ausländische Autofahrende bei uns aber „kostenlos“ unterwegs sind?
Mit solchen Fragen beschäftigen sich unter anderem Politikerinnen und Politiker,
die Antworten finden wollen. Und genau das gehört zu ihrem Job
Denn dafür zu sorgen, dass es in Deutschland für alle möglichst gerecht zugeht, dass ist Aufgabe des Staates.
Deutschland ist nämlich ein Sozialstaat -
das habt ihr im Unterricht vielleicht schon mal gehört.
Das ist in unserer Verfassung, dem Grundgesetz, verankert,
dort steht, dass Deutschland ein Zitat: „demokratischer und sozialer Bundesstaat“ ist.
Das steht im Artikel 20 des Grundgesetzes.
Das heißt, der Staat garantiert nicht nur die Rechte und Freiheiten aller Bürgerinnen und Bürger,
sondern soll auch für soziale Gerechtigkeit sorgen.
Aber was ist soziale Gerechtigkeit überhaupt?
Wie sieht das in Deutschland genau aus?
Und kann es in einem Land mit rund 83 Millionen Menschen überhaupt für jeden und jede gerecht zugehen?
Darum geht’s in diesem Video.
Am Beispiel der Pkw-Maut zeigt sich schon, wie knifflig das mit der Gerechtigkeit ist.
Denn, was die einen als fair empfinden
- zum Beispiel, dass die oder nur die, die von den Autobahnen direkt profitieren, die bezahlen -
ist für andere wiederum ungerecht,
weil ja auch die profitieren, die selbst kein Auto besitzen.
Ihr könnt euch denken:
Solche auseinandergehenden Meinungen, was in einer Gesellschaft nun genau gerecht ist,
dass gibt’s nicht nur beim Thema Maut.
Manche finden es ungerecht, dass einige Menschen ihr Leben lang schuften und trotzdem arm bleiben.
Sie sagen:
Extrem Reiche sollten höhere Steuern zahlen,
also etwas abgeben oder mehr abgeben.
Andere finden’s nicht fair, wenn man von seinem eigenen Geld viel abgeben soll,
etwa an Leute, die keine Lust haben zu arbeiten.
Und zack, schon sind wir mittendrin in der Theorie!
Beim Thema Gerechtigkeit geht’s nämlich um Verteilung:
Ist jeder für sich verantwortlich oder verstehen wir uns als eine Gemeinschaft, die füreinander sorgt?
Wie werden Ressourcen und Leistungen in einer Gesellschaft gerecht verteilt?
Wer gibt wie viel? Wer bekommt wie viel?
Aber auch: Wie sind die Chancen und Privilegien verteilt?
Die Antworten darauf hängen auch davon ab, welche Vorstellung von Gerechtigkeit man hat.
Da gibt’s vier unterschiedliche Konzepte. Und genau die stellen wir euch jetzt mal vor:
Erstens: Beginnen wir mit der Leistungsgerechtigkeit.
Die Idee ist:
Gerecht ist, wenn diejenigen, die größere Leistungen erbringen, mehr bekommen.
Wer einen höheren gesellschaftlichen Wert hat, verdient mehr, Ärzt*innen zum Beispiel.
Und das kennt ihr auch aus der Schule:
Wer sich öfter meldet und in der Unterrichtsstunde qualifizierte Dinge beisteuert,
bekommt eine bessere mündliche Note als jemand, der während des Unterrichts einfach gar nichts sagt.
Wer ein fehlerfreies Diktat schreibt, bekommt eine bessere Note als jemand,
der eines mit vielen Rechtschreibfehlern abgibt.
Aber ist das auch immer gerecht?
Zweitens: Was aber, wenn jemand gerne viel leisten möchte, aber nicht kann?
Zum Beispiel wenn die Person mit dem „schlechten Diktat“ aufgrund einer Lese-Rechtschreibschwäche
so viele Fehler gemacht hat und nicht, weil sie es einfach nicht kann?
Dafür kann man gar nichts, das hat nichts mit mangelnder Anstrengung oder Faulheit zu tun.
Deshalb eine schlechte Note zu bekommen, dass wäre also irgendwie unfair, oder?
Nach dem Prinzip der Bedarfsgerechtigkeit geht es daher
gerechter zu, wenn Ressourcen oder – wie in diesem Fall –
Unterstützung nach individuellen Bedürfnissen verteilt werden.
Also wenn alle das bekommen, was sie wirklich brauchen.
Schülerinnen oder Schüler mit Lese-Rechtschreibschwäche brauchen eine andere Behandlung
Bedarfsgerechtigkeit bedeutet hier, dass sie zum Beispiel andere Unterrichtsmaterialien bekommen
oder eine längere Prüfungszeit
oder andere Maßstäbe bei der Benotung.
Das man also genau schaut, was ist mit dieser Person genau los?
Drittens: Kann bei uns jeder und jede alles werden?
Haben alle die gleichen Chancen?
Experten sagen: Nein! Auf keinen Fall!
Chancengerechtigkeit ist das dritte Konzept und sie wäre erreicht,
wenn alle die gleichen Möglichkeiten hätten, unabhängig von ihrer Lebenssituation.
Zum Beispiel wenn Kinder in der Schule keine Nachteile haben, weil ihre Eltern
sie bei den Hausaufgaben nicht unterstützen können.
Wenn es keine Rolle für meine Zukunft spielt, wieviel Geld meine Familie hat
und ob sie es für Schulequipment oder Nachhilfe ausgeben kann.
Oder eben nicht!
Und damit kommen wir zum vierten Konzept: Zur Generationengerechtigkeit.
Da spielen, ihr ahnt es, Generationen eine Rolle. Also einfach gesagt:
Während zum Beispiel eure Großeltern einer Generation angehören,
gehören eure Eltern wieder einer anderen Generation an.
Und ihr seid nochmal eine neue Generation.
Das ist klar!
Generationengerechtigkeit bedeutet jetzt, dass es gerecht ist,
wenn alle Generationen ähnliche Chancen und Lebensbedingungen haben.
Unsere heutigen Entscheidungen sollen also nicht dazu führen,
dass die Menschen in Zukunft schlechter leben als wir.
Genau deshalb ist es wichtig, dass jede Generation darauf achtet,
was und in welchem Maße sie dern nachfolgenden Generationen hinterlässt.
Und das gilt auch für die Gegenwart.
Innerhalb der aktuellen Generationen soll es fair und rücksichtsvoll zugehen.
Und was davon ist jetzt soziale Gerechtigkeit?
Die Antwort ist:
Alles zusammen!
Der Clou ist: Alle Vorstellungen von Gerechtigkeit,
also
Leistungsgerechtigkeit, Bedarfsgerechtigkeit, Chancengerechtigkeit, Generationengerechtigkeit,
bilden zusammen das, was wir als sozial gerecht ansehen.
Manche politischen Entscheidungen können mehrere Prinzipien „abdecken“,
also zum Beispiel sowohl Chancengerechtigkeit und Bedarfsgerechtigkeit herstellen.
Aber nicht immer lassen sich alle Ziele gleichzeitig erreichen.
So schließen sich zum Beispiel die Ziele:
„Jeder soll bekommen, was er braucht“,
also Bedarfsgerechtigkeit und
„Jeder soll so viel bekommen, wie er oder sie leistet“,
also Leistungsgerechtigkeit,
eher aus.
Um sich das besser vorzustellen, kommt jetzt ein bisschen Magie ins Spiel!
Okay, dass hat jetzt nix mit Zauberei zu tun, ich kann überhaupt nicht zaubern,
aber dieses Viereck heißt immerhin „magisches Viereck“.
Und ausgedacht haben sich das die Forscher Irene Becker und Richard Hauser,
um darzustellen, was soziale Gerechtigkeit alles umfasst.
Das wird verständlicher, wenn wir uns genauer anschauen, wie das in der Realität aussieht.
Also, wie in Deutschland soziale Gerechtigkeit konkret umgesetzt wird
und auch, welche Gerechtigkeitsvorstellungen da zugrunde liegen.
In unserem Sozialstaat, in Deutschland, gibt es da nämlich viele, verschiedene Mittel.
Und ein ganz wichtiger Teil sind die Sozialleistungen
- Bürgergeld, Kindergeld, Sozialhilfe oder Wohngeld -
die Sozialleistungen kosten in Deutschland mehr als eine Billion Euro.
Einen Großteil davon macht die gesetzliche Sozialversicherung aus.
Also: Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Unfallversicherung,
Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung.
Sie unterstützt Beschäftigte bei Folgen von
Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfällen oder Pflegebedürftigkeit.
Die Idee dahinter ist:
Wer in eine Notlage gerät und Unterstützung braucht, soll Hilfe bekommen.
Hier ist das Ziel also - ihr ahnt es sicher schon - Bedarfsgerechtigkeit.
Und da sind wir wieder bei unserem magischen Viereck.
Das Ganze wird übrigens überwiegend durch Beiträge finanziert,
die auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zahlen und zwar abhängig vom Einkommen.
Wer mehr verdient, bezahlt mehr.
Aber - und das ist ganz wichtig: Egal ob man nun viel oder wenig einbezahlt,
die Absicherung, die gibt es für alle.
Ob man jedoch eine Leistung, wie etwa eine Behandlung im Krankenhaus, erhält,
dass hängt eben vom Bedarf ab.
Klar, wer gesund ist, der braucht in der Regel keine ärztliche Behandlung.
Natürlich kann es auch passieren, dass man sein Leben lang Beiträge zahlt, aber
außer die Sicherheit, dass einem im Bedarfsfall geholfen wird, nie etwas „zurückbekommt“.
Etwa, weil man immer total fit und gesund ist oder unerwartet stirbt.
Geld zurück gibt’s dann nicht: Das ist der Deal!
Unsere Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit beruht in diesem Fall auf dem Prinzip der Solidarität.
Das bedeutet, wir unterstützen und helfen einander und tragen Herausforderungen und Belastungen gemeinsam.
Die Idee dahinter ist, dass jeder Mensch in seinem Leben Zeiten haben kann,
in dem er auf Unterstützung angewiesen ist.
Das war jetzt mal ein ganz knapper Überblick zum Thema Sozialleistungen.
Ist natürlich ein riesiges Thema und die Sozialleistungen,
die sind eben eine Möglichkeit, soziale Gerechtigkeit herzustellen.
Der Staat versucht das aber auch durch Gesetze und Regeln.
Und wie genau? Hier gibt's noch mal drei konkrete Beispiele.
Erstens: Erinnert ihr euch noch an die Hochphase der Corona-Pandemie,
als Menschen zum Dank an alle Helferinnen und Helfer in der Corona-Zeit auf ihren Balkonen geklatscht haben?
Pflegekräfte hatten in dieser Zeit eine extrem hohe Belastung:
mehr Patienten, höhere Sicherheitsvorkehrungen. Sie mussten extra viel leisten.
Deswegen hat die Bundesregierung beschlossen, sie dafür mit einem Bonus zu belohnen.
Auch Azubis und FSJler in der Pflege haben einen Corona-Pflegebonus ausgezahlt bekommen,
vielleicht wart ihr ja sogar auch dabei, habt davon profitiert?
Geregelt hat dass das Pflegebonusgesetz.
Hier wurde also ein Gesetz beschlossen um für mehr Gerechtigkeit
– in diesem Fall Leistungsgerechtigkeit – zu sorgen.
Zweites Beispiel - ganz anderes Thema: Klimaschutz.
Besonders junge Menschen, zum Beispiel Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future finden:
die Klimapolitik berücksichtigt nicht ausreichend die Interessen der jungen Generation.
2021 haben sie deshalb vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt,
ihrer Auffassung nach nicht ausreiche, um nachfolgenden Generationen ein
Zitat: "Recht auf eine lebenswerte Zukunft“ zu garantieren.
Sie forderten also mehr Generationengerechtigkeit und sie bekamen in der Sache Recht.
Nach dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes
in Karlsruhe musste die Bundesregierung das Klimaschutzgesetz überarbeiten.
Und damit sind wir beim dritten Beispiel:
Vielleicht macht ihr gerade eine Berufsausbildung oder ihr studiert?
Dann wisst ihr wahrscheinlich ziemlich genau, wie teuer das alles sein kann.
Fachbücher, Arbeitsmaterialien, Semesterbeiträge für Studenten,
Prüfungsgebühren in der Ausbildung und Miete. Essen muss man ja auch noch.
Das haut alles ganz schön rein.
Das sind eine Menge Sachen für die man bezahlen muss und das Geld muss man natürlich auch erst einmal haben.
Ganz logisch!
Selbst mit Nebenjob oder mit der Ausbildungsvergütung sind die meisten auf finanzielle Unterstützung angewiesen,
zum Beispiel von den Eltern, die etwas zuschießen.
Damit eine Berufsausbildung oder ein Studium nicht nur den Leuten vorbehalten ist, die wohlhabendere Eltern haben,
was ziemlich unfair wäre, gibt es finanzielle Unterstützung vom Staat.
Der sorgt hier mit dem Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz Bafög,
also für mehr Chancengerechtigkeit.
2022 haben übrigens 630.000 Menschen Bafög in Deutschland bekommen
und zwar durschnittlich knapp 600 Euro im Monat.
Und an diesen Dingen seht ihr schon, es ist gar nicht so einfach, Gerechtigkeit
in allen Lebensbereichen gleichermaßen herzustellen.
Oft hängt dabei das Gerechtigkeitsverständnis von der jeweiligen Lebenssituation einzelner Personen ab:
Na klar möchte ich als Pflegekraft mehr verdienen,
natürlich möchte ich mit einer Behinderung gleiche Bildungschancen
und junge Menschen wollen, dass die Erde auch noch für sie bewohnbar bleibt, wenn sie älter sind.
Soziale Gerechtigkeit hat also viele Gesichter
und es ist die Aufgabe der Politik, dass alles zusammenzubringen und in Gesetze und Regeln zu fassen.
Wir müssen also immer wieder über Gerechtigkeit sprechen,
sie in Frage stellen und uns bewusst machen, dass sie auch aus Kompromissen besteht.
Und jetzt seid ihr dran!
Und jetzt seid ihr dran: Findet ihr denn, Gerechtigkeit gelingt in Deutschland?
Ist Deutschland ein gerechtes Land? Geht es hier fair zu? Wo seht ihr die größten Ungerechtigkeiten?
Schreibt's gerne mal unten in die Kommentare und lasst darüber uns diskutieren.
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